SachsenWer bleibt außen vor? Gipfel sucht Wege aus der Einsamkeit

Einsamkeit kann jeden treffen, auch dort, wo Gemeinschaft großgeschrieben wird. Ein erster Gipfel im Erzgebirge soll helfen, Betroffene besser zu erreichen und neue Wege aus der Isolation zu finden.
Oelsnitz/Dresden (dpa/sn) - Einsamkeit hat viele Gesichter: Sie trifft ältere Menschen, die einen Partner verlieren, junge Erwachsene, die keinen Anschluss finden, und Kinder, denen Freundschaften fehlen. Und sie ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. In Sachsen gibt es bereits zahlreiche Angebote gegen Einsamkeit. Doch längst nicht alle, die Unterstützung brauchen, finden auch den Weg dorthin. Wie sich das ändern lässt, soll der erste Einsamkeitsgipfel Erzgebirge in Oelsnitz zeigen.
"Ich glaube, jeder von uns hat dieses Gefühl schon mal gehabt", so SPD-Landtagsabgeordnete Simone Lang, die den Gipfel gemeinsam mit der AWO Erzgebirge und der Stadt Oelsnitz initiiert hat. Einsamkeit sei eines der "unangenehmsten Gefühle", das man haben kann. Neben Angst, Trauer und Wut gehöre sie zu den Empfindungen, die Menschen besonders belasteten.
Der Gipfel steht unter dem Motto "Gemeinsam gegen Einsamkeit – Begegnung ermöglichen, Zusammenhalt stärken". Es soll darüber gesprochen werden, welche Unterstützung Menschen brauchen und wie sich soziale Kontakte fördern lassen. Dabei gehe es aber nicht allein darum, neue Angebote zu schaffen. Vielmehr müssten bestehende Initiativen besser miteinander vernetzt und Hilfsangebote leichter zugänglich gemacht werden. Denn wer sich einsam fühle, finde nicht unbedingt von selbst den Weg zu einer Begegnungsstätte oder einer Beratungsstelle, hieß es.
Vorhandene Angebote müssen Menschen erreichen
Beim ersten Einsamkeitsgipfel Erzgebirge in Oelsnitz wird auch Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) dabei sein. Sie sieht die Bekämpfung der Einsamkeit als gemeinsame Aufgabe von Staat und Gesellschaft. "Sachsen verfügt bereits über eine Vielzahl von Angeboten und engagierten Akteuren, die Begegnung ermöglichen und Einsamkeit entgegenwirken", sagt sie. Entscheidend sei, dass diese Angebote bekannt seien und die Menschen erreichten.
Zu den bestehenden Unterstützungsangeboten zählen unter anderem Nachbarschaftshilfen und Selbsthilfegruppen sowie Begegnungsstätten, die soziale Kontakte fördern.
Nicht jedes gesellschaftliche Problem lasse sich mit einem neuen Förderprogramm lösen, betont Köpping. Es komme darauf an, vorhandene Strukturen zu stärken, Menschen miteinander zu verbinden und Initiativen vor Ort zu unterstützen. Die Kommunen wüssten am besten, was sie benötigten und welche Angebote funktionierten.
Zugleich müsse Einsamkeit enttabuisiert werden. Ziel sei es, ihre Ursachen besser zu verstehen und Möglichkeiten zu schaffen, soziale Kontakte zu knüpfen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, sagt Köpping. Prävention beginne dort, wo Menschen einander begegneten: in der Nachbarschaft, im Ehrenamt, in Vereinen und an sozialen Orten.
Wenn der Weg zur Begegnung zu weit ist
Einsamkeit hänge nach Einschätzung des sächsischen Sozialministeriums auch von den örtlichen Bedingungen ab. Größere Entfernungen, eingeschränkte Mobilitätsangebote und eine teilweise schlechte Erreichbarkeit von Beratungs-, Begegnungs- und Freizeitangeboten könnten soziale Kontakte erschweren.
"Mobilität ist ein bestimmender Indikator für oder gegen Vereinsamung im ländlichen Raum", sagt Alexander Ladwig, Geschäftsführer der AWO Erzgebirge. "Deshalb reicht die Zahl vorhandener Angebote als Maßstab nicht aus: Wir müssen ebenso fragen, wer sie erreichen, nutzen und mitgestalten kann – und wer außen vor bleibt."
Zugleich verfüge das Erzgebirge über wichtige Voraussetzungen, um Einsamkeit entgegenzuwirken, heißt es aus dem Sozialministerium. Dazu gehörten gewachsene Nachbarschaften, ein ausgeprägtes Vereinsleben und vielfältiges ehrenamtliches Engagement. Die Kommunen würden die örtlichen Bedürfnisse kennen und wüssten, wo Angebote fehlten. Aufgabe des Freistaates sei es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und bestehende Strukturen zu stärken.
Einsamkeit betrifft verschiedene Generationen
Einsamkeit wird häufig mit älteren Menschen verbunden, die allein leben oder einen Partner verloren haben. Die AWO Erzgebirge beobachtet Einsamkeit aber in vielen Lebensphasen. Sie könne bereits im Kindergartenalter auftreten, etwa wenn Kindern Kontakte zu Gleichaltrigen und Freundschaften fehlten, sagt Ladwig. Bei älteren Menschen spielten unter anderem fehlende Partnerschaften und familiäre Kontakte eine Rolle. Zugleich beobachtet die AWO Einsamkeit auch bei jungen Erwachsenen zwischen 20 und 30 Jahren.
Einsamkeit bedeute dabei nicht zwangsläufig, allein zu sein. "Man kann auch in der Gruppe allein sein", sagt Ladwig. Entscheidend sei, ob Menschen tragfähige Beziehungen erlebten und sich gesehen, angenommen und gebraucht fühlten. Im Alltag zeige sich Einsamkeit häufig dadurch, dass sich Menschen zurückzögen, weniger am Leben teilnähmen oder das Vertrauen in sich und andere verlören.
Strahlkraft für weitere Zusammenarbeit
Der Gipfel soll nach Vorstellung der AWO Erzgebirge eine verbindliche Zusammenarbeit anstoßen, die alle Generationen und unterschiedlichen Lebenslagen berücksichtigt. "Gemeinsam mit Betroffenen wollen wir erkennen, welche Menschen bislang zu wenig erreicht werden und welche sozialen oder infrastrukturellen Hindernisse bestehen. Daraus sollten konkrete Vorhaben mit klaren Verantwortlichkeiten entstehen", heißt es vom Wohlfahrtsverband.
Auch für Simone Lang ist der Gipfel vor allem ein Auftakt. Sie hofft, dass die Initiative über das Erzgebirge hinaus Wirkung entfaltet. "Ich hoffe, dass das so eine Strahlkraft hat, dass sich viele zusammenfinden, die sagen, wir machen das auch", sagt Lang.