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Berlin & BrandenburgBrandenburger Tor: Als die Quadriga plötzlich verschwand

16.09.2026, 09:53 Uhr
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(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Die DDR machte den Wiederaufbau des Brandenburger Tors vor 70 Jahren zum Prestigeprojekt. Doch ausgerechnet bei der Quadriga war sie auf Hilfe aus West-Berlin angewiesen.

Berlin (dpa/bb) - Menschen aus aller Welt posieren für Selfies, Familien machen Erinnerungsfotos, Reisegruppen drängen sich unter den mächtigen Säulen hindurch. Kaum ein Besucher verlässt Berlin, ohne das Brandenburger Tor gesehen zu haben. Es ist ein Symbol, das viele Menschen mit Deutschland verbinden.

Doch nach dem Zweiten Weltkrieg bot sich ein völlig anderes Bild: Das Brandenburger Tor war schwer gezeichnet. "Es war schon extrem. In der Attika des Haupttores klaffte ein großes Loch. Auch die tragenden Säulen waren schwer beschädigt. Und von den flankierenden Torhäuschen ragten nur noch Säulen aus dem Boden, wie bei einer griechischen Sehenswürdigkeit", sagt die Historikerin Zitha Elevi, die über die Geschichte des "Berliner Urgesteins" geforscht sowie ein Buch geschrieben hat und mit der Langhans-Gesellschaft unter anderem Führungen anbietet.

Von der das Tor krönenden Quadriga, der Wagenlenkerin und ihren vier Pferden, waren nur noch Reste übrig. Diese ließ die DDR kurz vor dem "Deutschlandtreffen der Jugend" 1950 entfernen und bis auf einen Pferdekopf verschrotten. "In West-Berlin empfand man dies als gezielten Affront", so Elevi. Der Pferdekopf ist heute im Märkischen Museum zu sehen.

Die verschwundene Quadriga

Als die neu gefertigte Quadriga im Sommer 1958 auf das Tor zurückkehren soll, verschwindet sie plötzlich erneut: Die Skulptur steht bereits auf dem Pariser Platz. Doch in der Nacht zum 3. August ist sie auf einmal weg. "Man wusste im Westen zunächst nicht, wo die Quadriga geblieben war. Zeitungen vermuteten sogar, sie sei gestohlen worden", erzählt Elevi.

Tatsächlich hatten DDR-Behörden die Figur in den Marstall bringen lassen. Dort konnten Ost-Berliner sie besichtigen. "Wahrscheinlich kam dann aus Moskau die Order, den Adler und das Eiserne Kreuz als preußische Symbole zu entfernen, bevor die Quadriga auf dem Brandenburger Tor montiert wurde", sagt die Historikerin.

West-Berliner Initiative, DDR-Prestigeprojekt

Die Episode steht exemplarisch für den Wiederaufbau des Tores. Vor 70 Jahren, am 21. September 1956, beschloss die DDR, das kriegsbeschädigte Bauwerk wiederherzustellen. Dabei waren die Pläne deutlich älter. "Die Initiative kam ursprünglich aus West-Berlin", sagt Elevi. Bereits 1950 hätten sich beide Seiten grundsätzlich auf einen Wiederaufbau verständigt. Geldmangel und Spannungen des Kalten Krieges verhinderten die Umsetzung jedoch zunächst.

Erst sechs Jahre später griff die DDR die Pläne wieder auf. "Es sollte als kunsthandwerkliche Leistung der DDR internationale Beachtung bekommen", sagt Elevi. Dass es überhaupt noch stand, führt sie auf die Konstruktion seines Architekten Carl Gotthard Langhans zurück. "Langhans hat auf mehrere Weise das Tor wirklich bombensicher gemacht", sagt sie. Für die damalige Zeit habe er außergewöhnlich moderne Baumethoden eingesetzt.

Ein Puzzle aus 1.000 Formen

Während DDR-Betriebe die Rekonstruktion des Tores übernahmen, war die DDR ausgerechnet bei der Quadriga auf Hilfe aus dem Westen angewiesen, denn in West-Berlin lagen Schutzabformungen der Quadriga, die Denkmalpfleger bereits 1942 hatten anfertigen lassen. "Ohne diese Formen hätte man die Quadriga gar nicht rekonstruieren können", sagt Elevi.

Rund 1.000 unbeschriftete Gipsformen mussten zusammengesetzt werden. "1957 begann das große Puzzle", so die Historikerin. Die Rekonstruktion übernahmen die Gipsformerei der Staatlichen Museen und die Berliner Bildgießerei Noack.

Für das Familienunternehmen war der Auftrag eine Herausforderung. Die Quadriga wurde nicht gegossen, sondern in traditioneller Kupfertreibarbeit gefertigt. Eine aufwendige Arbeit: "Es war schon sehr sportlich. Etwa 70 Leute haben daran ein Jahr lang unter Vollgas gearbeitet", sagt Firmenchef Hermann Noack IV.. In der Gießerei nimmt die Quadriga noch heute einen besonderen Stellenwert ein: Im Eingangsbereich hängt ein Bild von der Belegschaft und dem Werk. "Führungen beginne ich immer mit Geschichten zur Quadriga", sagt der Firmenchef.

Deutsch-deutsches Gemeinschaftsprojekt

Der Wiederaufbau entwickelte sich zu einem deutsch-deutschen Gemeinschaftsprojekt. Eine offizielle Zusammenarbeit zwischen Ost und West gab es aber währenddessen kaum. "Vieles lief über persönliche Kontakte und Unterhändler", erklärt Elevi.

Für sie zeigt die Geschichte des Brandenburger Tores, wie eng Architektur und Politik miteinander verbunden sein können. "Es ist nie nur ein Bauwerk gewesen", sagt sie. Immer wieder hätten unterschiedliche Herrschaftssysteme versucht, das Tor für ihre Zwecke zu nutzen. "Die DDR hat dieses Symbol verdreht, um es einzupassen in ihre Selbstdarstellung", sagt Elevi. "Schon vor dem Mauerbau stilisierte die DDR das Bauwerk zum "Friedenstor" und zum Symbol des gerechten Kampfes gegen westliche Aggression."

Dabei trug das Brandenburger Tor diesen Namen bereits bei seiner Eröffnung 1791. Friedrich Wilhelm II. habe mit dem Bau einen außenpolitischen Erfolg gefeiert, erklärt Elevi. Seine Truppen hatten einen von Frankreich unterstützten Aufstand in den Niederlanden beendet und nach seinem Verständnis den Frieden wiederhergestellt.

Vom Friedenstor zur Show-Kulisse

Der Pariser Platz am Brandenburger Tor war im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Schauplatz historischer Ereignisse. Dort tobten Kämpfe der Märzrevolution 1848. Die Nationalsozialisten nutzten das Tor zur Selbstinszenierung mit Fackelmärschen. Auch am Tag des Mauerfalls 1989 wurde das Brandenburger Tor erneut zum Schauplatz der Geschichte. "Dabei gab es dort nicht einmal einen Grenzübergang", so Elevi.

Heute ist das lange Jahre unzugängliche Tor Mittelpunkt vieler Großveranstaltungen. Elevi sieht diese Entwicklung kritisch und nennt sie "Endstation Showgigant". "Das Tor wird meistens zugestellt, man sieht es meistens gar nicht mehr, nur noch riesige Bühnenaufbauten und Bildschirme, das ist so auswechselbar und beliebig", so die Historikerin. Die eigentliche Bedeutung des Tores gehe verloren.

"Ich wünsche mir für Berlin, dass das Tor nicht nur am Berliner Kultursenat hängt, sondern einem geeigneten Museum zugeordnet wird, das es historisch und politisch einordnet", so die Historikerin. Am Tor informiere lediglich eine Informationstafel über die Geschichte. Diese trage seiner Bedeutung aber einfach keine Rechnung.

Quelle: dpa

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